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Forschung

Krafttraining für Ihre Bandscheiben

Als Neurochirurg ist Prof. Tronnier, Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie in Lübeck, bestens vertraut mit spezifischen Kreuzschmerzen. Dazu gehören u. a. Bandscheibenvorfälle. Nicht immer bereiten diese Schmerzen. Und nicht jeder Bandscheibenvorfall muss operiert werden.

Prof. Tronnier, gibt es Risikofaktoren für einen Bandscheibenvorfall?

Klare Risiken sind schwer zu definieren. Patienten mit überwiegend sitzender Tätigkeit wie Büroangestellte oder LKW-Fahrer neigen eher zu einem Bandscheibenvorfall, als Personen, die sehr aktiv sind. Daneben gibt es seltene Erkrankungen wie Bindegewebsschwächen, die zu einem erhöhten Risiko führen. In Bezug auf den körperlichen Status können wir sagen, dass übergewichtige Patienten mit einer wenig ausgeprägten Rückenmuskulatur eher gefährdet sind, als Personen, die ihre Rückenmuskulatur gezielt trainieren.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich einem Bandscheibenvorfall vorbeugen kann …

Ja. Ein Bandscheibenvorfall entsteht durch einen Wasserverlust in der Bandscheibe. Deswegen sind wir abends etwas kleiner als morgens. Und dann kommt es zu Bewegung der benachbarten Wirbelkörper. Der Faserring kann einreißen und ein Vorfall kann austreten. Wenn es uns gelingt, die Wirbelsäule zu stabilisieren und diese minimalen Bewegungen zu verhindern, z. B. durch eine starke Rückenmuskulatur, kann das einer Vorwölbung oder einem Vorfall vorbeugen.

Was sind klassische Symptome?

Bildmorphologisch – beispielsweise im MRT – finden wir häufig Bandscheibenvorfälle, obwohl die Patienten keine Beschwerden haben. Klinische Symptome sind hier viel wichtiger. Symptome für einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule sind zen in ein Bein. Bei einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule können die Schmerzen in den Arm ausstrahlen.

Wann muss ich schnellstmöglich zum Arzt?

Sie sollten den Arzt aufsuchen, wenn ein Kreuzschmerz ein bis zwei Wochen anhält und auch nach der Gabe einfacher Schmerzmittel wie z. B. Ibuprofen oder Diclofenac nicht zurückgeht. Der muss dann entscheiden, ob eine Bildgebung durchgeführt wird.

Wann muss bei einem Bandscheibenvorfall operiert werden? Wann nicht?

Wir richten uns in der Klinik nach der neurologischen Ausfallsymptomatik. Eine klare Operations-Indikation liegt vor:

  • Wenn heftige, therapieresistente Schmerzen über einen Zeitraum von drei bis sechs Wochen bestehen, die nicht auf Medikamente ansprechen und wenn der Patient immobilisiert ist und keine Physiotherapie bekommen kann.
  • Wenn aufgrund des Vorfalls schwere neurologische Ausfälle bestehen, d. h. der Patient eine hochgradige Lähmung in Arm oder Bein hat. Je länger Bandscheibenvorfall und Lähmung bestehen, desto schlechter bildet sich letztere zurück.
  • Wenn Notfallindikationen bestehen. Hat der Patient durch einen sogenannten Massenvorfall etwa eine Blasen-oder Mastdarmstörung, muss er unmittelbar, d. h. innerhalb 24 Stunden operiert werden.

Patienten, die keine neurologischen Störungen haben, sondern nur Schmerzen, sollten immer zuerst eine konservative Therapie erhalten. Dabei behandeln wir zuerst den akuten Schmerz medikamentös. Danach folgt eine physiotherapeutische Behandlung. Ist der Vorfall nicht akut, kann auch eine Muskelkräftigung erfolgen. Kieser Training ist da ein wesentlicher Baustein.

Wie lange muss ich warten, bis man nach einem akuten Bandscheibenvorfall mit Kieser Training starten kann?

Meist wissen wir ja nicht, wann der Bandscheibenvorfall aufgetreten ist. Ich würde aber sagen, nach sechs bis acht Wochen kann ein Patient gerätegestützte Krankengymnastik erhalten. Dazu gehört insbesondere auch das Training an der Lumbar- oder Cervical-Extension-Maschine (LE/CE) von Kieser Training. Ein entscheidender Vorteil bei Kieser Training ist, dass hier eine Trainingsberatung und medizinische Kontrolle angeboten wird.

Sie sprechen von gerätegestützter Krankengymnastik. Was ist mit Yoga, Rückengymnastik und Co.?

Die tiefen Rückenstrecker erreichen Sie damit in der Regel nicht. Ich habe eine ganze Reihe von Patienten, die Rückenschule oder Yoga machen. Ich habe eine Reihe von Patienten, die Rückenschule oder Yoga machen. Bei denen kann man sehr deutlich sehen, dass zwar die oberflächliche Rückenmuskulatur gut trainiert ist. Aber die tiefe Muskulatur, die für die Stabilisierung verantwortlich ist, können Sie mit solchen Maßnahmen ohne Maschine und Beckenfixierung nicht ausreichend stärken.

Sie machen gerade eine Studie mit der Forschungsabteilung von Kieser Training.

Genau. Wir möchten zeigen, dass es durch das Training an der LE zu einer Stärkung der tiefen Muskulatur kommt. Und zwar messen wir zu Studienbeginn und -ende mit einem MRT die Dichte der Muskulatur. Bislang hat man in Studien den Bewegungsradius und Kraftzuwachs gemessen und nachgewiesen, dass diese zunehmen. Jetzt möchten wir anhand eines objektiven Kriteriums mit einem bildgebenden Verfahren zeigen, dass sich durch ein Krafttraining an der LE-Maschine mit Beckenfixation die Muskulatur verändert. Das ist das Neue. Dabei schließen wir Patienten ein, die noch keine OP-Kandidaten sind und bei denen die Rückenkrankheit auf ein Wirbelsegment begrenzt ist. Das kann ein Bandscheibenvorfall oder eine Spinalkanalstenose in einem Segment sein. Die Ergebnisse sind schon jetzt vielversprechend.

Nach wie vor wird bei Rückenschmerzen viel operiert. Zu viel?

Sie haben Recht, es wird viel operiert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Unsere Patienten werden einerseits älter und andererseits werden die Fälle komplexer. Wir operieren viele Fälle mit einer Osteoporose, die eine Fraktur haben. Die müssen operiert werden. Andererseits zeigt der sogenannte AOK-Atlas, dass in bestimmten Regionen in Deutschland überproportional viel operiert wird. Das lässt sich nicht mit der Altersentwicklung erklären. Für den Patienten ist hier das Einholen einer Zweitmeinung ganz entscheidend.

Viele Menschen glauben, durch eine Operation würden sie ihren Rückenschmerz los. Was sagen Sie dazu?

Das ist relativ selten der Fall, da der Rückenschmerz viele Ursachen hat. Manche Ursachen können mit einer Operation eben nicht beseitigt werden. Deshalb empfehlen wir den Patienten eine Stufendiagnostik, um die Ursachen herauszufinden. Bei uns sieht das so aus, dass wir die Patienten zwei Tage stationär aufnehmen. Mit Injektionen mit einem Lokalanästhetikum produzieren wir gezielte Blockaden an Nervenwurzeln oder Gelenkfacetten der Wirbelsäulensegmente. Dann erhalten die Patienten physiotherapeutische Behandlungen und ggf. Spezialuntersuchungen der Wirbelsäule. Erst danach entscheiden wir, wie es weitergeht.

Wie wichtig ist Krafttraining der Rückenmuskulatur in der Reha eines Bandscheibenvorfalls?

Es gehört meines Erachtens unbedingt dazu. Zum einen wird nach einer Nervenkompression die Rückenmuskulatur automatisch mitgeschädigt. Denn aus der Nervenwurzel ziehen kleine Nervenäste zur Rückenmuskulatur. Durch Krafttraining wird die Ansteuerung der Nerven wieder verbessert und darüber hinaus die Rückenmuskulatur gestärkt. Außerdem müssen wir verhindern, dass es zu einem erneuten Vorfall oder zu weiteren Problemen mit der Wirbelsäule kommt. Das Krankheitsbild ist mit der Operation alleine nicht behoben. Sprich: Wir müssen dringend etwas zur Prophylaxe tun, um weitere Schäden der Wirbelsäule zu verhindern.

Wie lange muss ich nach einer Operation warten, bevor ich mit Krafttraining beginnen kann?

Meist erklären wir dem Patienten am Tag vor der Operation, wie er sich danach bewegen soll. Sie werden am ersten Tag nach einer Operation aus dem Bett mobilisiert. In der Regel können Sie die Klinik bereits nach drei oder vier Tagen wieder verlassen. Sie erhalten dann eine ambulante Physiotherapie. Zu einem Krafttraining raten wir sechs bis acht Wochen nach der Operation. In der Regel rezeptiere ich eine gerätegestützte Physiotherapie oder die medizinische Kräftigungstherapie an der LE oder CE von Kieser Training – in der Regel zwischen 12 und 18 Therapieeinheiten. Die privaten Kassen übernehmen das. Bei uns im Norden gibt es eine große gesetzliche Krankenkasse, die die Kosten ebenfalls übernimmt. Und dann raten wir den Patienten, weiter zu trainieren – und zwar in einem Studio, in dem das Training medizinisch kontrolliert wird, damit sie sich nicht zu viel Gewicht aufladen oder zu schnell trainieren. Ein korrektes Training ist überaus wichtig.

Die LE hat gerade 30-jährigen Geburtstag gefeiert. Was würden Sie ihrem Erfinder – Arthur Jones – sagen, wenn Sie könnten?

Durch die LE ist es erstmals gelungen, die autochthonen Rückenstrecker isoliert zu stärken. Wir wissen: In herkömmlichen Studios oder an herkömmlichen Maschinen bewegen Sie sich bei der Übung aus dem Becken heraus. Und damit können Sie diese tiefen Muskeln nicht ausreichend stärken. Jones hat klinisch experimentell genau das Richtige gemacht.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Volker Tronnier, Direktor der Neurochirurgischen Universitätsklinik Lübeck, trainiert seit zehn Jahren bei Kieser Training.