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„Kraft hält uns körperlich und geistig aufrecht“

Werner Kieser ist 76 Jahre alt – und nach wie vor ein Muskelpaket. Was für seine Kunden gilt, gilt für den Gründer von Kieser Training schon lange: Alter ist kein Grund für Schwäche. Anfang des Jahres hat er sein Unternehmen verkauft. Seine Kraft steckt Werner Kieser seitdem verstärkt in die Philosophie.

Name: Werner Kieser

Kraft bedeutet für mich: Leben

Werner Kieser öffnet die dunkelbraune Holztür seiner Züricher Wohnung. Zwei Kraftpakete mit schwarzglänzendem Fell zwängen sich durch seine Beine für eine fröhlich wilde Begrüßung. Chule und Volta, ein Mischling und eine Rottweiler Hündin. Kieser schickt sie entschieden aber lachend weg. Seine blauen Augen blitzen hellwach durch die runde Le-Corbusier-Hornbrille. Die weißen Stoppelhaare millimeterkurz gestutzt, akkurat, so wie der Dreitagebart. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift: „Everlast“, dazu wie üblich bollerige Hosen. Kieser ist barfuß. Die herzliche Umarmung zur Begrüßung ist wie eine Kollision: Es ist, als würde man abprallen von so viel Muskelmasse.

Werner Kieser ist 76 – und auf dem Gipfel der Kraft. Wen wundert’s. „Alter ist kein Grund für Schwäche“, sagt der Mann, der seit der Gründung von Kieser Training vor 50 Jahren die Idee verfolgt, die Welt zu kräftigen. Es ist unmöglich über ihn zu sprechen, ohne über Kraft zu sprechen. „Kraft hält uns aufrecht“, sagt er. „Körperlich und geistig.“ Kieser hat Krafttraining in Europa gesellschaftsfähig gemacht. Als er sein erstes Studio öffnete, gab es den Begriff noch gar nicht. Gewichte stemmen mit Hanteln diente dem Bodybuilding und damit rein optischen Zwecken. Kiesers Erkenntnis, welchen Nutzen Krafttraining für Gesundheit und Leistungsfähigkeit hat, war damals revolutionär und wurde angefochten. Heute ist sie wissenschaftlich anerkannt.

„Ein starker Körper kennt keinen Schmerz.“

Ursprünglich wollte Kieser in die Fußstapfen des Vaters und Großvaters treten – beide Schreinermeister. So absolvierte er zwar eine Schreinerlehre, doch ein Zufall sollte sein Leben in eine andere Richtung lenken: Beim Sparring zog sich der damals 17-jährige Amateurboxer eine Rippenfellquetschung zu. Statt auf Arzt und Trainer zu hören, folgte Kieser dem Rat eines spanischen Boxkollegen, der behauptete, Krafttraining würde die Heilung beschleunigen. Mit Erfolg: Nach drei Wochen war der Schmerz weg. Und noch etwas war passiert: „Ich spürte eine Kraft, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte.“

„Der Mensch wächst am Widerstand.“

Fasziniert von dieser Entdeckung forschte Kieser nach Anleitungen und Untersuchungen fürs Training mit Gewichten, stöberte in Bibliotheken und Antiquariaten. Dem damaligen Schweizer Nationaltrainer der Gewichtheber, Werner Hersberger, erklärte er, er wolle die Welt kräftigen, weil er glaube, damit eine Menge Probleme lösen zu können. Der gab dem damals 22-Jährigen Kieser einen Stapel amerikanischer Kraftsport-Zeitschriften und den Rat: Wenn du Krafttraining verbreiten willst, gib selbst die Richtung vor. Und lass dich nicht und nie davon abbringen, wenn du etwas als richtig erkannt hast. Kieser trieb seine Idee voran – beharrlich, fokussiert und gegen alle Widerstände. Mit Erfolg: Heute prangt sein Name auf über 150 Studios in 5 Ländern.

„Vermögen ist das, was du vermagst.“
Max Stirner

Muskelpapst? Kraftapostel? Hohepriester der Kraft? Von solchen quasi-religiösen Betitelungen der Medien hält Kieser wenig. „Was für ein Quatsch“, sagt er. Muskelguru? Nein. Auch das Esoterische ist ihm fremd. „Ich bin bekehrungsresistenter Atheist und eliminativer Materialist. Punkt.“ Kieser ist vor allem eins: Unverblümt. Leicht vornübergebeugt sitzt er am überdimensionierten runden, blauen Küchentisch. Kieserblau. Mindestens zwölf Leute finden auf den Mart Stam Freischwingern Platz. Der Mann liebt den intellektuellen Diskurs. Seine Einstellungen haut er in markigen Sprüchen raus – selten unbedacht. Er agiert verbal wie ein Boxer beim Sparring und liebt den begründeten Widerspruch. Den Dialog sieht er als permanente Form des Lernens – und Führens: „Wer seinen Mitarbeitern nichts zu vermitteln hat, sollte keine Führungsposition haben.“

„Beschränkung der Mittel ergibt Stil.“

Beim Reden klopft er mit der flachen Hand auf das Holz des Tisches. Er hat gepflegte Hände. Starke Hände, die es gewohnt sind, anzupacken. Er steht auf und zeigt einen Holzkubus, den er in seiner kleinen Werkstatt im Keller geschreinert hat. Er mag das Haptische und Materialien, auf denen sich die Spuren der Vergänglichkeit ablesen lassen. Die Architektur seiner zweigeschossigen Stadtwohnung ist so kantig und unverblümt wie der Nutzer selbst. Der Boden aus Schiefer, die Wände aus rohem Sichtbeton. Daran wenige Bilder. Nippes? Zimmerpflanzen? Fehlanzeige. Fast bodentiefe Fenster geben den Blick auf den großen Garten frei. „Mir sind die Pflanzen draußen lieber“, sagt Kieser, der mit seinen Hunden am liebsten mehrere Stunden in der Natur unterwegs ist. „Gell Chule“, sagt Kieser in Richtung des Rüden, den er aus einem Tierheim befreit hat und der auf einem riesigen Ledersessel thront.

„Lass dir nichts einreden. Geh selber hin und sieh nach.“
Berthold Brecht

Wenn Werner Kieser etwas wissen will, liest er nach. Und wenn ihn etwas interessiert, hakt er beim Autor nach. Kieser ist Autodidakt und vermeintliche Experten sind ihm suspekt. „Mich interessiert der Stoff, nicht der Professor“, sagt er und schiebt dabei den Kopf nach vorne. Aufgewachsen in einem religiösen, kleinbürgerlichen und bildungsfernen Elternhaus suchte er früh eine andere geistige, intellektuelle Welt. „Mit 18 hatte ich das Glück einen Mentor zu finden, der mir philosophische Werke gab.“ Der Mentor war der 50 Jahre ältere Kunstmaler Hans Hürlimann, dem Kieser seine Liebe zur Philosophie verdankt. „Er gab mir zuerst Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit, dann Max Stirner mit den Worten: ‘Das ist ein Nihilist. Wenn du den verstanden hast, weißt du, wo’s langgeht. Wenn nicht: Jag dir eine Kugel in den Kopf.‘“ Verstanden habe er den Stirner damals noch nicht. Aber dessen Aussagen hätten ihn trotzdem nicht losgelassen.

„Kraft ist nicht alles, aber ohne Kraft ist alles nichts.“
frei nach Schopenhauer

Die Liebe zur Philosophie hat Kieser nie verlassen. Mit 70 schloss er ein Master-Studium der Philosophie an der Open University in Großbritannien ab: „Ich bin der Droge des Denkens verfallen.“ Kieser steht auf und geht in sein „Studiolo“, ein ca. 12 Quadratmeter großes, schummriges Studierzimmer mit riesigem Tisch und selbstgezimmerten, deckenhohen dunklen Holzregalen. Darin ein geordnetes Chaos in zwei Reihen: Bücher über Philosophie, Photographie, Architektur, Design und Kunst. Und natürlich alles, was er über Muskulatur und Krafttraining in die Finger bekommen konnte. Insgesamt fasst seine Bibliothek geschätzte 2.000 Werke. Ein Teil seiner Bücher parkt in der Garage in Kisten neben dem alten Volvo. Einen anderen Teil hat er ins Antiquariat gebracht, weil seine Frau streikte. „Letzens wollte ich im Antiquariat ein Buch kaufen. Da habe ich auf der ersten Seite mit Bleistift meinen Namen gefunden. Ist das nicht köstlich?“

Im Arbeitszimmer liegt ein Handörgeli – die Schweizer Variante eines Akkordeons. Daneben eine Lap-Steel-Gitarre. Beide Instrumente hat er sich autodidaktisch beigebracht. Er setzt sich vor die Hawaiigitarre, spielt ein paar Takte und singt. Sofort kommen die Hunde und legen sich ihm zu Füßen. Es klingt schon fast schön. Seitdem er und seine Frau, die 19 Jahre jüngere Dr. Gabriela Kieser, Unternehmen und Lebenswerk verkauft und in jüngere Hände gegeben haben, hat er wieder mehr Zeit für Neues. Gerade schreibt er einen Aufsatz über die Schriftstellerin und Dramatikerin Sibylle Berg und den Dichter Ludwig Hohl – für das Kompendium „Edelsteine – Sternstunden deutscher Sprache“.

„Aufgeben ist unanständig.“

Die letzten 50 Jahre beschreibt er als Versuch und Irrtum. „Viele Entscheidungen stellen sich erst später als richtig heraus und umgekehrt. Ich mache laufend Fehler. Es sind primär Zufälle, die das Leben bestimmen.“ „Oder Sturheit“, ruft seine Frau Gabi kieksend. Sie ist gerade nach Hause gekommen und hat die letzten Sätze mitgehört. „Ja, man sagt mir eine gewisse Sturheit nach“, brummt Kieser und flüstert leise: „Ich bin schon sehr stur.“ „Seine Schwerhörigkeit kommt ihm da zu Hilfe“, setzt seine Frau munter nach. Er grinst. Von der Idee, dass er tüchtig sei, sei er abgekommen: „Ich hatte viele tolle Mentoren, Mitarbeiter und Geschäftspartner“, betont er. „Denen bin ich dankbar. Und manchmal hatte ich auch einfach Glück.“ Das Geschäft sei für ihn nie Selbstzweck, sondern immer Mittel zum Zweck gewesen. Es ging ihm um die Idee: Die Idee, uns alle ein bisschen stärker und das Leben dadurch ein bisschen leichter zu machen. „Ich habe meine Sache so gut gemacht, wie ich konnte. Ich hadere nicht mit der Vergangenheit und fürchte mich nicht vor der Zukunft. Real ist nur die Gegenwart. Wenn ich morgen sterbe, kann ich sagen: ‚Ich hatte ein gutes Leben‘.“

Text: Tania Schneider
Fotos: Verena Meier