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„Den Künstler kann ich selten raushängen lassen“

Gil Mehmert hat den Fußballfilm „Das Wunder von Bern“ als Musical inszeniert. Er ist nicht nur Regisseur, sondern auch Professor und alleinerziehender Vater. Manchmal hätte er gerne Heldenkräfte, um morgens leichter aus dem Bett zu kommen.

Name: Gil Mehmert

Geburtsdatum: 19.02.1965

Beruf: Uni-Professor, Regisseur

Hobbys: Klassik- und Jazz-Gitarre

Kieser Training-Kundin seit: 2004

Kraft bedeutet für mich: innere Stärke.

Die Musical-Version von „Das Wunder von Bern“ zählt zu Ihren bekanntesten und erfolgreichsten Arbeiten. Es geht darin um Deutschlands unerwarteten Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern und um einen Kriegsgefangenen, der seiner Familie wieder näherkommt. Was ist für Sie das große Thema des Stücks?

„Das Wunder von Bern“ wurde tatsächlich etwa 850 Mal gespielt, eine Million Menschen haben es gesehen. Es geht darin um Zusammenhalt –  innerhalb der Familie, der Ehe und der Fußballmannschaft. Es geht darum, füreinander einzustehen und sich einzubringen.

Was bedeutet Familie für Sie?

Ich lebe alleine mit meinen beiden Kindern, 20 und 12 Jahre alt. Der Alltag mit Kindern ist immer Wahnsinn und als alleinerziehender Papa besonders. Ein Familienleben mit einem Regisseur ist schwierig, weil der Rhythmus so unregelmäßig ist. Aber ich bin glücklich verlobt in einer Fernbeziehung.

Das Training

Regisseur Gil Mehmert riss bei einem Unfall auf der Bühne die Achillessehne. Da sie sich auch noch entzündete, musste sie schließlich entfernt werden. Als er die Ärzte damals fragte, ob er weiter joggen und tanzen könnte, antworteten diese ihm, dass er froh sein könne, weiterhin die Treppen steigen zu können. Zum Glück kam es anders und die Selbstheilungskräfte sorgten für eine Vernarbung, welche Arbeit und Bewegung ohne Einschränkung ermöglicht. Selbst bei der Musical-Inszenierung von „Das Wunder von Bern“ konnte er mithalten und auf der Bühne rumspringen, wenn es nötig war.

Auch seine Kreuzbänder sind beide gerissen, eines 2004 beim Fußballspielen mit den Kindern und eines 2012 beim Rumtoben auf dem Kindergeburtstag. Er geht zu Kieser Training, um Knie und Beine durch kräftige Muskeln stabil zu halten. Gleichzeitig ist das Training für ihn auch ein meditativer Vorgang, die Maschinen sind für ihn wie Instrumente.

Er freut sich, wenn ihm ein Instruktor nach den vielen Trainingsjahren noch eine andere Bewegung, eine andere Position auf dem Gerät zeigt und er wieder etwas dazulernen kann.


Sie sind viel rumgekommen und haben in verschiedenen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gelebt, studiert und gearbeitet. Wie viel reisen Sie und wo sind Sie Zuhause?

Ich bin in Werne im Ruhrgebiet aufgewachsen, habe anschließend in Köln Musik studiert und in München die Regieausbildung gemacht. Jetzt unterrichte ich an der Folkwang-Universität in Essen, einer Kunsthochschule für Musik, Theater, Tanz und Gestaltung, und lebe in der Nähe. Gearbeitet habe ich in vielen Städten, in Zürich, Linz, Hamburg, München, Potsdam, Berlin, viel im Ruhrgebiet. Wenn ich an einer Inszenierung arbeite, bin ich jeweils mehrere Wochen vor Ort. Meist wohne ich in der Zeit in einer Theaterwohnung oder im Hotel. Wenn ich, wie oft in letzter Zeit, in Bonn oder Dortmund inszeniere, kann ich nach den Proben nach Hause fahren.

Wie läuft eine Inszenierung ab?

Die Vorbereitungen für ein Musical laufen oft schon zwei Jahre vorher an. Es beginnt mit dem Einlesen und der Recherche – viele Musicals wie „Hair“, „Cabaret“, „Evita“ oder gerade auch „Das Wunder von Bern“ greifen ja ein ganzes Jahrzehnt und seine politischen Umstände auf. Dann erarbeite ich ein Konzept mit Ideen, wie der Stoff szenisch umgesetzt werden kann. Dazu gibt es eine Bauprobe, bei der ein erster Entwurf des Bühnenbilds im Theater überprüft wird. Etwa ein Jahr vor der Premiere wird die Besetzung zusammengestellt und entsprechend Vorsingen und -tanzen veranstaltet.

© Stage Entertainment/Brinkhoff/Moegenburg

Die Proben selbst dauern sechs bis acht Wochen, in denen ich vor Ort bin. Geprobt wird in der Regel in zwei Schichten von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr. Wenn ich dann noch nach Hause fahren muss, bin ich oft erst nach Mitternacht im Bett. Für den Regisseur kommen viele zusätzliche Besprechungen mit den Theaterabteilungen wie Kostüm, Technik, Licht oder Requisite dazu. In den letzten zwei bis drei Wochen dauern die Tage dann 10 bis 12 Stunden. Etwa drei bis viermal im Jahr bin ich vor Ort bei Proben. Dazu kommen Interviewtermine sowie meine Arbeit als Professor an der Folkwang-Universität.

Klingt nicht nach einem entspannt-kreativen Künstlerleben ...

Ich bin in einem akademisch-bürgerlichen Haushalt aufgewachsen. Mein Vater war Arzt. Er konnte seinen Beruf sofort nach dem Studium ausüben. Für mich als Künstler war klar, dass mein Leben anders laufen wird und dass es nach dem Studium noch ein langer Weg sein wird, bis ich meine beruflichen Ziele erreicht habe. Ich habe gelernt, mit meinen Kräften zu haushalten und zu funktionieren – den „Künstler“ kann ich bei meinem Alltag selten raushängen lassen und mich eben nicht nach einer anstrengenden Inszenierung erst mal ein, zwei Wochen erholen.

Wie lässt sich so ein fordernder Beruf mit dem Alltag eines alleinerziehenden Vaters in Einklang bringen?

Mit dem Großen wohne ich alleine, seit er 16 ist. Der war dann oft auch allein Zuhause. Der Zwölfjährige wohnt erst seit eineinhalb Jahren bei mir und kommt dann auch mal ein, zwei Tage ohne mich klar. In den Ferien sind die Kinder öfter bei Produktionen mit dabei, der Kleinere spielt inzwischen selbst als Darsteller im Musical „Tarzan“ mit, als kleiner Tarzan. Er verbringt in den Ferien auch Zeit bei seiner Mutter. Und auch meine Freundin, eine gefragte Musical-Darstellerin, bringt sich ein, so oft es geht.

In der Kunst kann man Helden sämtliche Kräfte andichten. Welche Kräfte hätten Sie gerne?

Die Kraft, dass es mir leichter fallen würde, morgens aufzustehen, wenn ich nachts spät nach Hause komme. Ich stehe dann trotzdem morgens früh auf, um gemeinsam mit dem Schulkind zu frühstücken. Auch mein Beruf braucht viel Kraft. Vor allem zum Ende der Proben hin braucht man Nervenkraft. Da ist viel psychischer Stress, es gibt menschliche oder auch technische Probleme. Die Dinge werden schwierig, wenn es Richtung Premiere geht. Früher hab ich da schon mal rumgeschrien. Heute ist es anders: Je mehr Chaos um mich herum ist, desto ruhiger werde ich. Ich achte darauf, meine Kräfte zu schonen und mich pfleglich zu behandeln. Deshalb gehe ich auch regelmäßig zum Kieser Training und jogge, so oft es geht.

© Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Sie haben seit 2003 eine Professur für Musical, Szene und Regie an der Folkwang Universität. Was möchten Sie Ihren Studenten weitergeben?

Mir ist ein gewisses Arbeitsethos wichtig. Ich möchte meinen Studenten mitgeben, dass Künstler ein dienender Beruf ist, bei dem man sich dem Theater zur Verfügung stellt. Manchmal ist bei Künstlern das Ego größer als der Wunsch, gemeinsam etwas zu schaffen. Dann wird es schwierig. Die Bewerberzahlen beim Musical sind naturgemäß niedriger als im Schauspiel. Unsere Bewerber müssen ja schon etwas mitbringen. Sie müssen tanzen und singen können und haben damit schon wesentliche Vorstudien geleistet. Zu den jährlichen Aufnahmeprüfungen kommen etwa 150 Anwärter. Neben dem Talent achten wir darauf, ob die Bewerber als Gruppe zusammen und auch zu uns passen. Wenn jemand sehr schwierig oder unsozial ist, leuchten bei uns schon die Alarmlampen.

Ich lege Wert darauf, dass alle gleich wichtig sind, egal, ob sie als Solisten oder als Ensemble-Mitglied auftreten. Ich selbst merke im Alltag, dass ich anders behandelt werde, wenn ich meinen Professoren-Titel auf den Tisch lege. Ich möchte das gar nicht. Ich möchte, dass alle gleich behandelt werden, nämlich respektvoll und höflich.

Musicals werden gerne mal als anspruchslose Touristenbelustigung abgetan. Was sagen Sie dazu?

Vereinfacht kann man es so beschreiben: Kommen Schauspiel und Singen zusammen, hat man eine Oper. Kommt noch der Tanz als zusätzliche Ausdrucksform dazu, hat man ein Musical. Es gibt bei Musicals viele verschiedene Spielarten. Darunter sind sicherlich auch sehr oberflächliche und seichte Geschichten, aber eben auch unglaublich mitreißende und hochemotionale Werke, die Schauspiel, Gesang, Tanz und sogar Artistik hochvirtuos zu nutzen wissen, um ein unglaubliches Theaterereignis zu kreieren.

Man muss unterscheiden zwischen den Werken, die als lizenzierte Großproduktion nach Deutschland kommen und Inszenierungen an Stadttheatern und bei Festspielen. Großproduktionen wie „Cats“, „Starlight Express“, „Phantom der Oper“ oder alle Disney-Stoffe wie „Tarzan“, „Aladdin“, „König der Löwen“ etc. sind exakte Kopien der Originale vom Broadway in New York oder vom West End in London. Sie werden hierzulande identisch nachinszeniert. Kostüme, Lichtgestaltung und Choreographie müssen genau dem Original entsprechen, das wird vom Lizenzgeber kontrolliert. Neu sind nur die Darsteller. Da die englischsprachlichen Kollegen Sprache und Darstellung nur schwer beurteilen können, kann es bei aller Perfektion passieren, dass das Schauspielerische etwas auf der Strecke bleibt.

Das war der Vorteil beim „Wunder von Bern“. Das Stück war auch eine Großproduktion mit Riesen-Etat und besten Show-Möglichkeiten, aber es wurde direkt in Hamburg erarbeitet, von Kreativen, die im Stoff und in der Sprache zuhause waren.

© Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Es ist auch immer wieder die Kritik zu hören, in Musicals würde nur Playback gespielt ...

Beim „Wunder von Bern“ saß ein 15-Mann-Orchester im Graben. Allerdings gibt es auch Produktionen, bei denen zum Playback gespielt wird, aber das ist eher die Ausnahme, wenn sich der Produzent keine Musiker leisten kann oder will. Ich würde das nicht mitmachen. Für mich muss Musik leben. Tatsächlich wird aber bei kommerziellen Produktionen die Anzahl der Musiker immer mehr reduziert.

Was machen Sie bei Inszenierungen anders als Ihre Kollegen?

Bei Musicals hat man meist weniger Spielraum in der Interpretation: Wenn ich eine Oper inszeniere, habe ich die Freiheit, diese zeitlich und geographisch anzusiedeln, wie es sich konzeptionell anbietet. Eine „Tosca“ könnte zum Beispiel theoretisch mit einer 70er Jahre-Ausstattung auf dem Mond spielen. Wenn ich das Musical „Les Miserables“ inszeniere, ist klar, dass es während der französischen Revolution spielen muss. Es gilt bei Musicals, viele Vorgaben zu erfüllen und dennoch seine eigene Erzählweise zu finden. Mir ist die psychologische Tiefe sehr wichtig, außerdem eine glaubwürdige Besetzung und eine eigene Erzählweise.

Interview: Monika Herbst
Foto: Verena Meier