Wer Mara Kraus trifft, bleibt still zurück

Im Zweiten Weltkrieg flüchtet Mara Kraus als 18-Jährige aus dem von Nationalsozialisten besetzten Italien über die Berge in die Schweiz. Nach einem 24-stündigen Marsch ist sie am Ende ihrer Kräfte. Doch der Schweizer Grenzsoldat sagt: „Hier können Sie nicht bleiben, Sie müssen zurück.“

800X533 Mara Kraus 6114 LP

Geburtsdatum: 17.5.1925
Geburtsort: Zagreb / Jugoslawien
Beruf: Rentnerin
Hobbys: Fotografieren, Schreiben, viel Lesen und Kochen
Kieser Training-Kundin seit: 2004

Die zierliche Rentnerin mit den schlohweißen Haaren sitzt aufrecht an ihrem Schreibtisch im Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek. Vor ihr steht ein alter PC, auf dessen Tastatur sie fleißig Daten eintippt. Drei Vormittage arbeitet Mara Kraus hier, einen weiteren im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Beides macht sie ehrenamtlich.

Bei der Nationalbibliothek hilft Mara, den fotografischen Nachlass ihres verstorbenen Mannes zu archivieren: dem Fotografen und Journalisten Joe Heydecker. Dieser dokumentierte heimlich die Ereignisse im Warschauer Getto und berichtete später als einer der wenigen Deutschen über die Nürnberger Prozesse. Neben ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit publiziert sie dessen Bücher und Manuskripte als E-Bücher, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Mara beeindruckt mit ihrer aktiven, positiven Lebenseinstellung. Ohne ihre Arbeit kann sie nicht. Schelmisch lachend sagt sie: „Als ich jung war, habe ich mich amüsiert. Jetzt arbeite ich.“ Dabei klingt ihr Leben nicht gerade nach Amüsement – ihre Kindheit ist von Flucht geprägt. Mara ist 91 Jahre alt. Sie trägt schweres Gepäck, doch meist geht sie erhobenen Hauptes durchs Leben. Geboren ist Kraus 1925 in Zagreb in Ex-Jugoslawien: Sie ist fünf, als sich die Eltern scheiden lassen. 1933 zieht die Achtjährige mit ihrem Vater nach Belgrad.

Flucht von Belgrad nach Cervinia

Als 1941 Hitlers Truppen die Stadt besetzen, gelingt den beiden die Flucht nach Dalmatien auf die Insel Hvar. Mara ist zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Doch auch dort wird es aufgrund der Gründung des faschistischen kroatischen Staates zu riskant und so fliehen die beiden erneut – dieses Mal auf das von den Italienern besetzte Split.„Dort angekommen, haben wir uns freiwillig in ein Lager nach Piemont in Italien internieren lassen“, erzählt sie. „Wir hatten gehört, dass die Flüchtlinge dort gut behandelt werden.“

Doch im September 1943 besetzten die Deutschen Norditalien. „Wir fassten mit drei anderen einen Plan und beschlossen, von Breuil-Cervinia rund um das Matterhorn nach Zermatt in die Schweiz zu fliehen.“ Der Gruppe gelingt es, einen Bergführer für ihr Unterfangen zu gewinnen: den Enkel von Jean Antoine Carrel, welcher das Matterhorn als erster von italienischer Seite bezwungen hatte.

Über alle Berge: Flucht in die Schweiz

Es ist Mitte September, als sich die kleine Gruppe in der Abenddämmerung auf den Weg macht. Mara erinnert sich: „Carrel ging mit einem dicken Tau über der Schulter an der Spitze unserer Truppe und ein weiterer Bergführer bildete den Abschluss.“ Ihre Gesichtszüge werden ernst: „Der Wind war beißend kalt und wir hatten keine richtige Ausrüstung. Wir hatten keine Handschuhe und trugen einfache Halbschuhe. Es war ganz arg.“

Stundenlang marschieren sie bergauf – bepackt mit schweren Rucksäcken, in denen das verbliebene Hab und Gut verstaut ist. „Der Weg wurde steiler und steiler. Als wir müde wurden, gab Carrel jedem von uns eine Pille: Es war Pervitin, die bevorzugte Droge der Nazi-Elite.“ Das Methamphetamin Pervitin, das in hochdosierter Form heute als Crystal Meth bekannt ist, zeigt die erwünschte aufputschende Wirkung. „Plötzlich war mein Rucksack leicht wie eine Feder und wir kamen wieder gut voran.“

Im Morgengrauen, nach etwa zwölf Stunden Aufstieg, erreicht die Gruppe ein Plateau: Es markiert die Grenze zur Schweiz. Die Bergführer seilen Mara und die anderen mehrere Meter ab, dann kehren sie um. Die fünf sind auf sich allein gestellt – vor ihnen der Matterhorn-Gletscher. Bei dieser Erinnerung zieht die 91-Jährige die Schultern hoch, spannt alles an, als ob die Kälte sie wieder im Innersten packt und sagt: „Der eisige Atem des Gletschers schlug uns ins Gesicht. So standen wir dort einen Moment – hilflos.“

Zusammenbruch auf 3.600 Metern

Die Gruppe setzt sich wieder in Bewegung. Mit ihren ungeeigneten Halbschuhen schliddern und stolpern sie über das Eis, springen alle paar Meter über Gletscherspalten, fallen. Mara zeigt die Breite der Spalten mit ihren Händen. 10 Zentimeter, 30 Zentimeter, 50 Zentimeter. „Jeder Sprung war eine enorme Willensanstrengung und ein riesiger Kraftakt. Mein Rucksack war so schwer, dass ich jedes Mal hinfiel.“

Die Wirkung der Droge hat längst nachgelassen. Mara bricht vor Erschöpfung zusammen. „Meine Kehle war ausgedörrt, es war eisig kalt und ich hatte keine Kraft mehr. Als mein Vater mir aufhelfen wollte, begann ich zu schreien. Ich hatte auf 3.600 Metern einen hysterischen Anfall. Mein Vater gab mir einen Klaps. Ich beruhigte mich, stand auf und ging weiter.“

Alles umsonst?

Als die Gruppe nach etwa 24 Stunden endlich den Schweizer Grenzposten erreicht, erhalten sie alle einen Schluck Wasser. Dann sagt einer der Grenzsoldaten: „Sie können nicht bleiben. Ruhen Sie sich aus. Dann gehen sie zurück.“ Als sie erzählt, wie sich die beiden anderen Frauen der Gruppe dem Soldaten zu Füßen geworfen hätten, rauft sie sich die Haare und zeigt deren wilde Gesten. Dann gefriert sie förmlich zu Stein – wie damals. Leise sagt sie: „Mich hat das so beschämt.“ Sie bricht ab und ringt nach Worten. „Ich fand das so erniedrigend.“

Doch die Aktion der verzweifelten Frauen zeigt Wirkung. „Der Soldat telefonierte mit seinen Vorgesetzten und daraufhin brachte man uns nach Zermatt“. Mara atmet auf: „Wir hatten Glück. Im Gegensatz zu vielen anderen durften wir bleiben. Viele Juden wurden von den Schweizern rausgeworfen und den Deutschen ausgeliefert.“ Den Krieg überlebten Mara und ihr Vater in der Schweiz. Doch leben wollten sie dort nicht. Nach vielen Stationen in Italien, Argentinien, Frankreich, Venezuela und Brasilien hat sie seit 20 Jahren in Österreich eine Heimat gefunden.

Text: Tania Schneider
Foto: Verena Meier

Zurück zur Übersichtsseite

Diese Seite teilen: